Hastings und Beachy Head - geschichtsträchtig das eine und windumtost das andere

Di., 23. Oktober 2018, 4. Reisetag / 122 Tageskilometer / vom P&R Stellplatz Canterbury über Hastings nach Beachy Head, Parkplatz am Beachy Head Inn, Koordinaten: 50.7399359,0.2500976

 

Blick vom Pier auf die Strandpromenade von Hastings
Blick vom Pier auf die Strandpromenade von Hastings

Wie immer stehen wir gegen neun Uhr auf, frühstücken. Es sind 12° Celsius, sonnig, aber es ist leicht diesig.

Als wir kurz vor der Abreise aus Canterbury am Automaten des P&R bezahlen wollen, stellen wir fest, dass wir 3 x 3,50 £ zahlen müssen, quasi für drei Tage, obwohl wir nur zwei Nächte geblieben sind, aber es wird immer um Mitternacht abgerechnet, und damit hat der dritte Tag schon begonnen. Nun gut, 10,50 £ sind immer noch preiswert für zwei Nächte, zumal inklusiver kostenfreier Ver- und Entsorgung.
Um kurz vor elf Uhr ver- und entsorgen wir und um zwanig nach elf Uhr brechen wir auf Richtung Südküste, Hastings... mal sehen, wo und wie wir dort landen...

Es geht zunächst nach Ashford über die A 28 und viele kleine Landstraßen. Es bleibt so um die 12, 13° Celsius und auch sonnig, immer mal wieder aber auch diesig.

Kurz nach zwölf Uhr tanken wir noch irgendwo für satte 1,42 £, ganz schön teuer im Vergleich zu Deutschland, aber was soll man sonst machen bei ziemlich leerem Tank!?

Ankunft in Hastings - Wo ist hier ein Parkplatz fürs Womo?

 

Gegen ein Uhr am Nachmittag erreichen wir Hastings, nur... wo parken mit dem Womo? Direkt im Zentrum finden wir (natürlich) keinen Platz ohne Höhenbeschränkung an der Einfahrt und wir wollen schon unverrichteter Dinge die Stadt wieder verlassen, als Frau Fernschreiberin irgendwann einen ziemlich geeigneten Parkplatz direkt am Meer erspäht, am Ende der breiten und langen Strandpromenade. Mal ohne Querbalken als Höhenbeschränkung, aber dafür auch recht weit außerhalb. Nun gut, das sind Wohnmobilisten ja gewohnt... Was soll's? Das Wetter ist gut und wir sind ja nicht fußlahm! Und der Parkplatz ist sogar kostenfrei und nicht sehr voll - wie überhaupt Hastings uns nicht gerade überlaufen vorkommt. Aber das stört uns nicht weiter, im Gegenteil!

So nehmen wir die circa zweieinhalb Kilometer zurück ins Zentrum in Angriff, auf der breiten und schön angelegten Promenade direkt am Wasser entlang kommt einem das überhaupt nicht so lang vor. Wir sehen so wenigstens etwas von Hastings! Unser Ziel ist der große Pier, der auf seiner hölzenen Plattform weit ins Meer hineinragt.

 

 

Auf dem Weg zum Pier spüren wir noch den Hauch von vergangenem Luxus, den dieses im 18. Jahrhundert mondäne Seebad heute noch ausstrahlt und das wegen der Schlacht von 1066, als der normannische Herzog Wilhelm der Eroberer den letzten angelsächsischen König, Harald II., besiegte, so berühmt geworden ist.

 

Teil der Strandpromenade in Hastings etwas außerhalb des Zentrums
Teil der Strandpromenade in Hastings etwas außerhalb des Zentrums

 

Auf dem Pier bleiben wir eine ganze Weile, weil es uns dort so gut gefällt und es wirklich ziemlich leer ist. Im Sommer sieht's hier garantiert anders aus. Doch die Sonne am Himmel und die für Oktober recht warmen Temperaturen vermitteln uns auch schon fast Sommerurlaubs-Feeling... Der Fotoapparat läuft heiß ob der vielen Aufnahmen und schließlich essen wir hier auch noch Fish & Chips direkt auf den hölzernen Brettern des Piers... stilecht.

 

Der ursprüngliche Pier wurde 1872 errichtet und fiel 2010 fast vollständig einem Feuer, ausgelöst durch Brandstiftung, zum Opfer. Die Seebrücke wurde neu gebaut, 2016 wiedereröffnet und gewann 2017 den Architekturpreis des Royal Institute of British Architects (RIBA), wie auch (zu recht) stolz am Eingang zum Pier auf einem blauen Plakat zu lesen ist.

 

Hastings Pier
Hastings Pier
Strandpromenade von Hastings
Strandpromenade von Hastings

 

Ganz am Ende der Seebrücke, dort, wo der Blick nur noch über das "endlose Wasser" des Ärmelkanals reicht, lesen wir auf sorgfältig angebrachten Messingtafeln die teils berührenden kleinen Botschaften von Menschen, die in irgendeiner Weise anderen, ihnen nahestehenden Menschen danken und sie ehren wollen. Eine schöne Idee an einem solchen Ort!

 

 

Unsere Aufmerksamkeit nehmen auch metallglänzende, auf den Holzbrettern des Piers angebrachte Fußabdrücke in Anspruch, die wir natürlich "nachlaufen" müssen und dabei feststellen, dass es sich um Walzerschritte handelt. Na, da legen wir doch gleich mal ein Tänzchen auf's "Parkett"!

 

 

Fish & Chips unter freiem Himmel auf dem Pier

 

Als uns um kurz vor drei Uhr der Hunger packt, beschließen wir, hier auch einen Happen zu essen und zwar nicht in dem Restaurant in der Mitte des Piers, verziert mit vier britischen Flaggen, sondern unter freiem Himmel an außerordentlich bunten Tischen, die zu einem kleineren Selbstbedienungs-Restaurant auf der Seebrücke gehören. Das schöne Wetter muss man doch ausnutzen!

 

 

Gut gesättigt machen wir uns schließlich um kurz vor halb vier Uhr wieder auf den Rückmarsch zum Womo, das wir gegen vier Uhr erreichen. Unser eigentlich anvisiertes Tagesziel Brighton - das noch viel mondänere Seebad und "Luftkurort" hitzegeplagter Londoner im Sommer - müssen wir angesichts der fortgeschrittenen Zeit wohl für heute canceln. Aber das war es uns hier wert!

 

 

Beachy Head - höchster Kreidefelsen Großbritanniens

 

Wir fahren weiter an der Küste entlang und wollen noch Beachy Head besuchen, die Landspitze mit dem höchsten Kreidefelsen Großbritanniens, 162 m hoch und praktisch senkrecht ins Meer fallend. Wir fahren - nachdem wir Eastbourne passiert haben - durch eine leere, idyllische "Weidelandschaft" und erreichen um zehn vor fünf Uhr das Besucherzentrum, das etwas östlich vom winzig klein scheinenden Leuchtturm am Fuß der beeinruckenden weißen Felsen liegt.

Es wird schon langsam dämmerig hier und ein strammer Wind weht. Auf dem Parkplatz nahe des Besucherzentrums  ist nicht mehr viel los, ein Reisebus fährt gerade weg. Nach Zahlen von 2 £ Parkgebühren wandern wir gespannt den recht kurzen Weg zum nahen Abgrund an die Klippen. Wie unbedeutend klein wirkt der Leuchtturm vor den Klippen da unten im Wasser von hier oben! Und dennoch ist er sehr wichtig für die Schifffahrt, auch heute noch, denn die Landzunge ist bei Dunkelheit tückisch.

Es ist beeindruckend hier oben und da wir so spät am Nachmittag hier sind, ist es auch schön leer. Wir genießen die Umgebung, auch wenn es sich - zumindest gefühlt durch den starken Wind - ziemlich abgekühlt hat.

 

Leuchtturm von Beachy Head in der Abenddämmerung
Leuchtturm von Beachy Head in der Abenddämmerung

 

Als wir wieder am Womo sind, ist es schon um die halb sechs Uhr und wir haben immer noch keinen Übernachtungsplatz in Aussicht. So reift in uns die Idee, einfach hier zu bleiben. Auf dem Parkplatz, auf dem wir gerade stehen, ist allerdings das Übernachten verboten, auch wenn neben uns das Wohnmobil alle Anstalten macht, sich hier für die Nacht einzurichten. Uns ist nicht ganz wohl bei dem Gedanken und so fasst Frau Fernschreiberin den Entschluss, mal im Restaurant "Beachy Head", das dem Besucherzentrum angeschlossen ist, nachzufragen, ob man auf deren Parkplatz übernachten dürfe. Dieser Parkplatz liegt in einer kleinen Senke direkt am Inn und ist daher auch ein wenig windgeschützter als der Parkplatz oben an der Straße.

 

Übernachten in ungewöhnlicher, atemberaubender Landschaft

 

Gesagt - getan... und das mit Erfolg! Im Vintage Inn werden wir freundlich ("No problem!") an das ebenfalls hier ansässige Chaplaincy-Team ("Seelsorge- und Rettungsteam") verwiesen. Nach ein wenig Suchen in einem Nebengebäude spricht uns ein sehr netter Mann an, ob wir Hilfe benötigten. Wir schildern unser Anliegen und er ist ganz begeistert davon, dass wir hier in dieser tollen Landschaft übernachten wollen. "Yes. Of course! Enjoy the evening. It is a lovely landscape!", so der Mann mit einer ausladenden Handbewegung in die Umgebung. Zahlen müssen wir hier nichts, noch nicht mal den sonst für Womos üblichen "Verzehrzwang" im Inn. Das hat ja prima geklappt und wir erleben nicht zum ersten Mal in unseren England-Urlauben die große Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit der Engländer.

Wir setzen das Wohnmobil kurz um und suchen uns ein windgeschütztes Plätzchen dicht an einer Hecke des Restaurant-Parkplatzes. Auch hier steht noch ein Wohnmobil, aber ansonsten bleibt es ziemlich einsam hier, was uns aber nicht weiter stört. Ver- und Entsorgung oder gar Strom haben wir hier zwar nicht, aber brauchen wir auch nicht, wir sind ja autark.

Wir fragen uns allerdings, was das Chaplaincy-Team hier wohl für eine Aufgabe hat, mussten diesen Begriff erstmal googlen, und finden nach ein wenig Recherche heraus, dass dieses Team tagsüber und abends hier ist, um potenzielle Suizidkandidaten von ihrem Tun abzuhalten und ihnen Hilfe anzubieten. Der höchste Kreidefelsen Englands mit seiner senkrechten Steilküste ist berüchtigt und zieht immer wieder Selbstmörder an. Na, das haben wir jedenfalls nicht vor und der nette Mann vom Team hatte wohl auch nicht den Eindruck, dass wir lebensmüde seien...

 


Frau Fernschreiberin hält es angesichts dieser einmaligen Landschaft nicht im Womo, doch der Rest der Familie igelt sich lieber genau dort ein... Faule Bande! Draußen ist es im glutroten Sonnenuntergang wunderschön. Während im Westen die Sonne untergeht, steigt im Osten schon der dicke Vollmond aus dem Meer, beides ist von den hohen Kreidefelsen hier an der Landzunge wunderbar zu sehen und der ältere Leuchtturm oben auf den Felsen strahlt sein Licht in die beginnende Nacht. Das können die Fotos kaum einfangen, genau wie die fast mystische, abgesehen vom Windgeheule absolut ruhige und praktisch menschenleere Landschaft. Da hat der Mann vom Chaplaincy-Team schon recht gehabt!

Wie schön, dass man als Wohnmobil-Urlauber so unabhängig von jeglichen Touristenmassen zur Mainstream-Zeit sein kann!

 

Sonnenuntergang an Beachy Head
Sonnenuntergang an Beachy Head

 

Während Frau Fernschreiberin draußen herumstiefelt, macht der Göttergatte eine Kleinigkeit zu essen im Womo, auch nett. Eigentlich hätten wir auch im Inn essen gehen können, aber da wir in Hastings schon Fish & Chips hatten, wollen wir jetzt nicht schon wieder essen gehen.


Durch das Autofahren heute hat die Batterie wieder 90% Spannung, sie stand vorher um die 70%. Jetzt stehen wir den vierten Tag hintereinander ohne Landstrom da, was aber gut funktioniert, obwohl wir jeden Abend "Downton Abbey" als DVD im Fernseher schauen und alle Handys die Nächte über geladen werden. Heute Abend kommt noch das Laden der Akkus für den Fotoapparat über den Wechselrichter hinzu. Leider sind beide Ersatzakkus leer, da wir sie zu Hause vergessen haben zu laden.

 

So lassen wir auch diesen Abend an einem wunderschönen Ort an der Südküste Englands ausklingen und hoffen, dass auch das Chaplaincy-Team eine ruhige Nacht verleben wird...

Das sind wir:

Die Fernschreiber.

 

Gerne unterwegs in unserem Knaus Sky Wave 650 MF.

 

In unserem Wohnmobil sind wir zu Hause, in einem Hotel nur Gast.

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