Tintagel Castle - Richard von Cornwall auf den Spuren des mythischen König Artus

(Oster)montag, 17. April 2017, 11. Reisetag / 12 Tageskilometer / von Delabole nach Tintagel (Parkplatz, Koordinaten: 50.6638665,-4.7521173)

Am nächsten Morgen ist es zwar immer noch recht kalt und windig auf unserem weitläufigen Stellplatz in Delabole, aber die Sonne strahlt wieder vom Himmel. 

Nahezu perfekt für einen Besuch der alten Burgruine von Tintagel auf der steilen, kleinen Halbinsel im Atlantik vor der nordkornischen Küste im Westen! Könnten unsere Augen unendlich weit schauen, könnte man von diesem Fleckchen Erde aus geradewegs und ohne "Landhindernis" quer über den Atlantik bis nach Amerika blicken. Nichts als Wasser vor der Westküste Cornwalls!

Wir aber brauchen nach dem Frühstück nicht unendlich weit gucken, sondern nur endlich weit fahren, und zwar ganze zwölf Kilometer oder zwanzig Minuten, bis wir um halb zwölf Uhr am großen Parkplatz direkt in Tintagel ankommen.


Tintagel - ein Örtchen erliegt dem Artus-Wahn

 

Der erste Eindruck des 700 Einwohner-Ortes: Eine bunte Aneinanderreihung von Restaurants und - vor allem - Souvenirläden, zumindest an der Hauptader des Städtchens, der Fore Street. Hier hat es ein Ort wahrhaftig geschafft, aus dem legendären Begründer und Ritter der Tafelrunde, König Artus, großes Kapital zu schlagen. Kaum zu glauben, wo und in welch teils bizarren Auswüchsen einem dieser berühmte "Britannier" schon bei der ersten Durchfahrt überall in Tintagel begegnet.

 

Seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts blüht in dem  ehemaligen Ort Trevena das Geschäft mit King Arthur. Und weil die Touristenströme noch besser fließen sollen, wurde zu dieser Zeit der Ort in Tintagel umbenannt - ursprünglich war dies nur der Name der Gemeinde und des Oberlandes mit der Burg. Anfang des 20. Jahrhunderts riss man dann noch viele der ursprünglichen Häuser ab, um Platz zu schaffen für die vielen Artus-Fans, die seither in Massen hierhin strömen, die kommunale Wirtschaft zwar ankurbeln, aber dies zu Lasten von Authentizität und Originalität der Umgebung. Wie so oft sind es auch hier die zwei Seiten einer Medaille, die sich zeigen.

 

Einzig historisches Gebäude in Tintagel: das alte Postamt aus dem 14. Jahrhundert

 

Nur das alte Postamt aus etwa dem 14. Jahrhundert blieb erhalten. Es ist ein kleines, pittoreskes Herrenhaus mit eindrucksvollem "schiefen und krummen" Dach und klobigen Mauern. Der National Trust restaurierte das Gebäude und richtete die Räume wieder entsprechend der ehemaligen Bestimmung als viktorianische Dorfpost ein. Diesem Gebäude widmen wir uns zunächst, bevor auch wir uns auf den Artus-Hype einlassen und hier können wir auch als Mitglieder des National Trust von einem ermäßigten Eintrittspreis profitieren.

Das Posthaus springt auch gleich ins Auge, eben weil es eins der wenigen wirklich alten Gebäude in Tintagel ist. Zudem liegt es nur einen Steinwurf von unserem Parkplatz - dem "King Arthur's Car Park" (wie kann es auch anders sein...) - entfernt.

 

Wir betreten um viertel vor zwölf Uhr das Gebäude mit eingezogenen Köpfen (zumindest Herr Fernschreiber) - die Menschen im Mittelalter waren wirklich noch eine ganze Ecke kleiner als wir heutzutage - und finden uns in einem niedrigen Flur wieder, von dem mehrere rekonstruierte Zimmer nach rechts und links abgehen. Schön hergerichtet vermitteln sie einen recht guten Eindruck vom Leben und Arbeiten des 14. Jahrhunderts. Auch in die obere Etage darf man vordringen, in die Schlafgemächer des einstigen Post"beamten" (gab's schon Beamte im Mittelalter?) und dessen Familie.

Nach einem interessanten Rundgang durch das Haus gehen wir noch in den wirklich liebevoll gestalteten Garten hinter dem Gebäude. Die Obstbäume blühen in voller Pracht und natürlich trägt auch das tolle Wetter mit dazu bei, dass man sich gerne eine Weile in dem Gott sei Dank nicht überlaufenen Anwesen aufhält.

 

 

Überall "King Arthur", vom Parkplatznamen über Restaurants bis zu Souvenirläden - sehr geschäftstüchtig, dieser König... ;)

 

Um kurz vor ein Uhr verlassen wir das Posthaus und schlendern noch in Richtung Visitor Centre, besuchen dies auch kurz, doch so richtig lange bleiben wir hier nicht. Auf der Straßenseite schräg gegenüber fällt uns dagegen ein wirklich auffällig-bizarres Haus auf: "King Arthur's Great Halls".

Der Deutschlandfunk Kultur berichtete 2013 in einer seiner Sendungen über Tintagel und dem, was daraus gemacht wurde: "1933 errichtet hier der exzentrische Millionär Frederick Thomas Glasscock, - der sein Vermögen mit Vanillepudding gemacht hatte -, eine Festhalle im Stile einer Ritterburg. Ein Abziehbild-Camelot aus massivem Granit, mit bunten Glasfenstern, die Szenen aus der Artus-Legende zeigen. Einmal im Jahr treffen sich hier die selbsternannten Nachfahren der Ritter der Tafelrunde, die 1927 gegründete ‚Fellowship of the Knights of the Round Table of King Arthur’, zu ihrer Jahrestagung."

Dieser Ausschnitt aus einem viel längeren Beitrag gibt in amüsant-unterhaltsamer Weise, aber auch mit den bisher bekannten geschichtlichen Fakten und mystischen Legenden, sehr lesenswert den Hype um König Artus wieder.

 

 

Wir verzichten bei diesem schönen Wetter auf einen Besuch des Inneren von King Arthur's Great Halls, da hier sowieso nichts echt ist und wollen nach einem schnellen Eis auf die Hand und nach einem Blick in einen der zahlreichen Souvenir- und "Krimskrams"-Läden - in dem eine der Fernschreiber-Töchter ungewöhnlicherweise ein paar Schuhe "abstaubt" - viel lieber zur Burg, oder vielmehr zu dem, was davon noch übrig ist.

So führt uns unser Weg zurück in Richtung Küste quasi wieder am Parkplatz mit unserem Womo vorbei, das sich nun den Platz schon mit sehr viel mehr Autos, Bussen und anderen Womos teilen muss als es noch am Vormittag der Fall war.

 

Tintagel Castle - alte Burgruine, tolle Legende und atemberaubende Aussichten

 

Den zahlreichen Besuchern folgend erreichen wir zunächst kurz bergabgehend ein Gebäude, in dem wir die Eintrittskarten für Tintagel Castle erwerben. Unsere Hoffnung, hier als Mitglieder des National Trust kostenfrei oder wenigstens vergünstigt an die Karten zu kommen, zerschlägt sich. Hier wäre die Mitgliedschaft der anderen großen, englischen Organisation, die sich um den Erhalt alter Bau- und Kulturdenkmäler Großbritanniens bemüht - English Heritage - vorteilhafter gewesen. Es gibt aber auch unzählige Varianten und Kombitickets für die einen wie die anderen Sehenswürdigkeiten, sowohl beim einen wie beim anderen Verband. Wir erhielten netterweise dort im Besucherzentrum sogar eine genaue Beratung darüber - schon zu detailliert, um nicht verwirrt zu werden - und wir dachten, wir hätten schon von Deutschland aus per Informationen aus dem Internet die richtige Entscheidung getroffen...

 

Aber ist jetzt eigentlich auch egal, wir freuen uns über spektakuläre und atemberaubende Aussichten auf dem Weg zur Burgruine, die wir mal treppab, dann wieder treppauf über teilweise recht grob in die Felsen gehauene Stufen erreichen. Da kann man schon mal gelegentlich außer Puste kommen. Und dabei haben wir es im Vergleich zu Richard von Cornwall, der die Burg hier in seiner selbsternannten Nachkommenschaft zu König Artus an strategisch völlig bedeutungsloser Stelle im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts erbauen ließ, noch recht bequem. Er hatte bestimmt nicht so viele Stufen und Geländer...

Die Fotokamera läuft heiß ob der vielen fotogenen Motive, die sich hier auf dem äußersten Zipfel der Halbinsel ergeben. Wenn König Artus ungefähr 700 Jahre, bevor diese Burg errichtet wurde, auf deren Resten wir heute stehen, wirklich hier gezeugt und geboren sein sollte, so hatte er von Geburt an zwar eine durchaus tolle Aussicht, aber ganz bestimmt nicht von dieser Burg aus, die ja erst sehr viel später von Richard von Cornwall erbaut wurde.

Aber die Legende lebt natürlich trotzdem weiter: Hier in Tintagel ist der Ursprung König Artus zu suchen, zumindest, wenn man dem Mönch Geoffrey of Monmouth, der 1135 als Erster über die mögliche Geburtsstätte König Artus' schrieb, Glauben schenken möchte.

Ihm zufolge soll es sich zugetragen haben, "dass Uther Pendragon seiner Begierde nach Ygerna, der schönen Frau von Gorlois, dem Herzog von Cornwall, nachgab und sich mit Merlins Hilfe in Gorlois‘ Gestalt Zugang zum Schlafgemach der Herzogin verschaffte, wo er mit ihr Artus zeugte. Es kam Uther Pendragon nur recht, dass in eben jener Stunde Gorlois in der Schlacht fiel. Er nahm seine wahre Gestalt wieder an und heiratete Ygerna. Neun Monate später soll Artus hier, in Tintagel Castle, das Licht der Welt erblickt haben, wenn man Geoffrey of Monmouth glauben möchte. Und die meisten Besucher, die sich an den beschwerlichen Aufstieg zur Burg machen, wollen das glauben", so ist es bei 'www.mystisches-england.de' zu lesen. Genau genommen entstammt der berühmte König Artus also einem Seitensprung...

 

 

Ungefähr zwei Stunden laufen wir hoch und runter, kreuz und quer über das weitläufige Ruinengelände und über die Felsen, die im Wechsel mit den Wiesen auf der Hochebene auch mal bequem flach daherkommen, dann aber urplötzlich spektakulär und respekteinflößend steil ins Meer abfallen. Da heißt es: Augen auf, in zweierlei Hinsicht!

Den Besuch von Merlins Höhle canceln wir, da wir uns über die Gezeiten heute nicht sicher sind und wir außerdem bei dem tollen Wetter lieber die Aussichten oben genießen wollen.

Bedauerlicherweise haben wir unseren sonst üblichen Picknickrucksack nicht dabei, wohl weil das Womo so nah steht, aber angesichts der Kraxelei auch wieder zu weit weg, um mal schnell einen Schluck Wasser oder einen kleinen Snack zu holen. Sei's drum, es geht heute auch ohne Verpflegung.

Auf dem Hochplateau angekommen, wer schaut uns da unter seiner tief ins Gesicht gezogenen Kapuze hervorschauend an: Natürlich... König Artus, der alte Knabe! Lebensgroß, mit seinem Schwert Excalibur in den Händen. Ist ein wenig dünn geworden und durch seinen Umhang pfeift ganz schön der Wind, obwohl die Statue erst seit ziemlich genau einem Jahr dort oben steht (nein, das ist natürlich alles so gewollt...). Da es gut, dass die Skulptur aus schwerer Bronze ist... Noch ein weiterer Beitrag zum "Disneyland Tintagel", wie es manchmal scheint.

 

 

Doch gleichgültig, wie kritisch manche Zeitgenossen diesen Wahn um die Legende König Artus' sehen und auch wir dem Hype im Ort selbst nicht viel abgewinnen können, die großartige Landschaft um die Burgruine herum mit den Klippen und Felsen der Küste entschädigt auf jeden Fall dafür. Die Läden und die ganzen überzogenen Artus-Devotionalien darin kann man ja meiden, wenn man will, die Landschaft sollte man jedoch genießen. Da das Gelände "da oben" so weitläufig ist, verlieren sich die Touristenmassen außerhalb der "Engstellen" ein wenig, zumindest haben wir um diese Jahreszeit im April auch noch das ein oder andere ruhige Fleckchen entdecken können, was im Sommer allerdings anders aussehen mag.

 

 

Doch noch shoppen, aber nicht im Sinne von König Artus!

 

Um viertel nach drei Uhr sind wir, an einer nett aussehenden "Cornish Bakery" vorbeilaufend, wieder im Ort, schauen uns dort noch ein wenig um und erliegen auch für kurze Zeit dem ziemlich ungeplanten "Reiz des Shoppens" (zumindest die weiblichen Mitglieder der Familie): Neben völlig "artusfreien" Dingen wie einer Tasche und einem Rucksack für die Töchter wird auch noch ein schnöder Ball gewünscht, für die allgemeine Körperertüchtigung rund ums Womo auf den hier in England so riesigen Stellplätzen. Unser bisheriger Ball ist der Heckgarage irgendwie entkommen...

Um kurz vor vier Uhr sind wir wieder am Parkplatz, der nun auch schon wieder etwas leerer wird.

Wir beschließen, wie es manch andere Womo-Fahrer auch machen, für die Nacht hierzubleiben, bei 2x 3,90 £ Parkgebühren für je 12 Stunden auch sehr akzeptabel. Strom (99,7 % am Nachmittag) und Wasser sind noch genügend vorhanden, Toilette ist leer, so dass wir auf nichts angewiesen sind.

Wir stehen so "strategisch günstig" auf dem Parkplatz, dass wir im Rückwärtsgang in der Lage sind, einfach die Wiese ein Stück weit hoch zu fahren, wie wir es heute Morgen bei der Ankunft bei einigen Womos auch gesehen haben. Jetzt ist hier fast alles wieder frei und wir möchten lieber auf Gras stehen als auf Asphalt. Außerdem haben wir nun eine hölzerne Picknickgruppe quasi direkt vor'm Womo und ganz für uns allein. Dazu Sonne satt! Was will man mehr?

Die Picknickgruppe des Ortes wird auch gleich von uns eingeweiht, der neue Ball kommt zum Einsatz und wir genießen die Sonnenstrahlen, die hier im windgeschützeren Ort doch etwas mehr wärmen als oben an den Ruinen auf den Felsen.

Zwischendurch kaufen wir kurz in einem kleinen Lebensmittelladen (den gibt es tatsächlich hier! Ohne König Artus!) "um die Ecke" noch etwas frisches Obst und lassen den Nachmittag entspannt ausklingen.

 

 

Abends in Tintagel

 

Um viertel nach sieben Uhr abends gehen wir in "King Artur's Arms Inn", direkt an der Ecke des Parkplatzes, keine 200m vom Womo entfernt, essen. Diese günstige Gelegenheit lassen wir uns nicht entgehen! 

Vollgefuttert wie wir sind, wollen sich die Kinder nach dem Essen ins Womo verkrümeln, während wir Eltern noch durch den jetzt fast menschenleeren Ort schlendern. Was ein Unterschied, wenn die vielen Tagestouristen weg sind! Dafür hat aber auch fast jede Lokalität nun geschlossen, von "Nachtleben" kann in Tintagel - zumindest im April - keine Rede sein. Uns stört's nicht weiter, wir gehen erst nochmal Richtung Meer und schauen, wie sich der Abendhimmel an der kornischen Küste zeigt. Ziemlich eindrucksvoll! 

Zurück im Ort wollen wir noch einen Cache suchen, allerdings finden wir die Dose nicht, sie ist wohl "gemuggelt", wie man in der Cachersprache so sagt, also verschwunden (Merlin hat sie bestimmt weggezaubert...).

Also gehen wir gegen neun Uhr auch wieder zum Womo zurück, wo es sich unsere Fernschreiber-Töchter mit einer DVD im Fernseher gemütlich gemacht haben. Unsere Batterieversorgung lässt uns auch hier nicht im Stich und mit 94,2 % Ladung um viertel vor zwölf Uhr nachts vor'm Zubettgehen lässt es sich gut einschlafen an diesem besonderen Ort im Geiste von König Artus...

 

Das sind wir:

Die Fernschreiber.

 

Gerne unterwegs in unserem Knaus Sky Wave 650 MF.

 

In unserem Wohnmobil sind wir zu Hause, in einem Hotel nur Gast.

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