Und noch mehr Shakespeare...

Sa., 15. April 2017, 9. Reisetag / 135 Tageskilometer / von Stratford-upon-Avon nach Keynsham, Nähe Bath, Avon Valley Farm (CL 1, Koordinaten: 51.412723, -2.469908)

Grünanlage mit dem Fluss Avon in Stratford-upon-Avon
Grünanlage mit dem Fluss Avon in Stratford-upon-Avon

Der 48. Geburtstag von Frau Fernschreiberin beginnt schon frühmorgens mit Glückwünschen und viel besserem Wetter als gestern: Es sind zwar auch nur rund 14° Celsius, aber es scheint auch ab und zu die Sonne, da sieht die Gegend doch gleich noch mal so schön aus.

Herr Fernschreiber füttert den Parkautomaten pünktlich morgens um acht Uhr mit 5 £ bis zwölf Uhr, wir stellen aber nach einem schönen, längeren Geburtstagsfrühstück mit einigen netten Überraschungen schnell fest, dass wir zeitlich bis mittags wohl nicht hinkommen werden. Also werfen wir nochmals 6 £ für den gesamten Tag nach (hätte uns auch früher einfallen können...).

Das Tagesprogramm für heute ergibt sich quasi von selbst: Noch mehr Shakespeare... ist ja klar.

Bevor wir um halb zwölf Uhr vom Parkplatz in Richtung Innenstadt losziehen, schauen wir erneut noch schnell auf unsere Batterieanzeige: 88,9 %... beruhigend.

 

Das erste Ziel des Tages ist das letzte des Vortages: die Holy Trinity Church mit dem Grabmal William Shakespeares. Am gestrigen Karfreitag geschlossen, ist es uns erst heute möglich, die Kirche von innen zu besichtigen. Und das haben auch eine Menge anderer Touristen vor! Schon auf dem Weg zur Kirche fällt auf, wie voll die Stadt im Vergleich zu gestern ist. Ganze Busladungen "spucken" auf dem Parkplatz ihre Fahrgäste aus, die sich dann in der ganzen Stadt verteilen.

Auch die Kirche, die wir kurz vor Mittag erreichen, ist recht gut gefüllt.

Was uns ein wenig erschreckt, ist der Souvenirladen innerhalb der Kirche wie auch das Kassenpersonal, das sich kurz vor dem Altarraum aufbaut, um Eintritt für den Besuch der Grabstätte zu verlangen. Nicht die Tatsache, dass wir für die Besichtigung zahlen müssen, ist dabei so befremdlich, sondern der Ort: Wenn man schon einen Devotionalienladen in einer Kirche meint einrichten zu müssen, dann könnte man doch wenigstens auch den Obolus dort entrichten und nicht kurz vor'm Altar. Das finden wir ein wenig pietätlos.

Ein wenig später sind wir dann im Altarraum der Kirche und stehen vor William Shakespeares Grab. Eigentlich sieht man nichts weiter als eine steinerne, leicht verwitterte Steinplatte ohne Wappen, ohne Namen, ohne Lebensdaten, im Fußboden eingelassen. Allein der berühmte Vierzeiler mit dem angeblichen Fluch ist in die Platte eingemeißelt. Nebenan liegen die Gräber einiger Familienmitglieder.

Damit wir Besucher die (von unserem Blickwinkel aus betrachtet auf dem "Kopf stehende") Grabinschrift besser lesen können, ist die bekannte Inschrift nochmals auf einem eigenen Schild deutlich sichtbar formuliert:

 

GOOD FREND FOR JESUS SAKE FORBEARE,

TO DIGG THE DVST ENCLOASED HEARE.

BLESTE BE THE MAN THAT SPARES THES STONES,

AND CVRST BE HE THAT MOVES MY BONES.

 

O guter Freund, um Jesu Willen

grabe nicht im Staube, der hier eingeschlossen liegt.

Gesegnet sei, wer schonet diese Steine,

verflucht sei, wer bewegt meine Gebeine.

 

Im Zuge der Restaurierung der Holy Trinity Church wollte man auch das Grab "ein wenig herrichten", doch man beschränkte sich dabei nur auf die Grabplatte. Wegen des Fluches ist Shakespeares vermeintliches Grab bisher nicht geöffnet worden, obwohl es durchaus Ungereimtheiten gibt: durch modernste Untersuchungen wie Bodenradar und Laserscans steht wohl fest, dass der Schädel des berühmten Dramatikers fehlt und der Schädelraub von 1794 wohl doch nicht nur bloßes Hirngespinst ist. Durch heutige Methoden aber brauchte das Grab nicht geöffnet werden, um dies festzustellen, sondern es wurde quasi "nur" durchleuchtet - man "umging" sozusagen einfach den Fluch...

Sowieso ranken sich schon seit Jahrhunderten Legenden um das Leben Shakespeares. Dies fängt schon mit seinem Geburtstag an, der nicht genau feststeht, lediglich sein Taufdatum - der 26. April 1564 - ist im Kirchenregister der Dreifaltigkeitskirche in Stratford-upon-Avon vermerkt. Und da man (irrtümlich) davon ausging, dass im elisabethanischen England neugeborene Kinder drei Tage nach der Geburt getauft werden, wurde einfach der 23. April 1564 festgelegt, wie man mancherorts nachlesen kann. Außerdem passt das so schön mit seinem überlieferten Sterbedatum zusammen, das exakt 52 Jahre später erfolgt: am 23. April 1616.

Manch ein Skeptiker behauptet zudem, William Shakespeare sei ohne Unversitätsausbildung und als Geschäftsmann, der er zweifelsohne auch war, nicht "genial" und belesen genug gewesen, um Werke wie Richard III., Heinrich VI., Macbeth, Othello, Romeo und Julia, Hamlet, Ein Sommernachtstraum und so viele, viele mehr zu schreiben. Doch eigentlich wird die Zahl der Zweifler kleiner und selbst wenn es so gewesen sein sollte, dass Shakespeare für eine Menge Geld nur seinen Namen für einen "Ghostwriter" wie beispielsweise Francis Bacon hergegeben haben sollte, so bleibt doch die Gewissheit, dass die Werke wirklich außergewöhnlich, sprachlich überaus vielfältig und zu recht die am meisten aufgeführten Stücke der Weltliteratur sind.

Auch die ersten acht Jahre Shakespeares in London bleiben geheimnisumwittert. Man weiß wenig von Shakespeares Anfangszeit in der Hauptstadt, in der er ab etwa 1584 gelebt hat. Das kann natürlich auch Nährboden für vielerlei Geschichten sein. Dass er aber auch schließlich in London erfolgreich und berühmt geworden ist, wird an seinem späteren Mitbesitztum des dortigen Globe Theatres deutlich - an dem wir auch vorbeigelaufen sind, als wir vor drei Tagen noch in London weilten - und in dem die meisten seiner Stücke aufgeführt werden.

Als einflussreicher und vielbeachteter Mann kehrt Shakespeare 1610 - nach ungefähr 26 Jahren in der englischen Hauptstadt - in seinen Heimatort zurück und lebte hier in New Place, dem zweitgrößten Haus in Stratford, das er sich schon 1597 zugelegt hatte. 

Der Kreis des "rätselhaften" Shakespeares schließt sich mit seinem Tod, denn auch die Todesursache bleibt ungewiss, "Fieber", Typhus... man weiß es nicht genau.

Wie dem auch sei, die Stadt Stratford-upon-Avon kann aus ihrem berühmtesten Sohn der Stadt, auch wenn es Rätsel um ihn gibt, einen sehr geschäftstüchtigen und gewinnbringenden Hype ziehen, dem auch wir letztlich erliegen, denn nach dem Besuch der Kirche wollen wir auch noch einige der anderen Sehenswürdigkeiten rund um Shakespeare besuchen, an denen wir gestern nur vorbeigegangen sind.

 

 

Wir kaufen für 23,25 £ die kombinierte Eintrittskarte zu den drei Stadthäusern "Shakespeare's Birthplace", "Hall's Croft" und "Shakespeare's New Place". Zunächst schauen wir uns "New Place" an, weil das von der Kirche aus am nächsten liegt. Hier wohnte Shakespeare mit seiner Familie nach seiner Rückkehr aus London und hier verbrachte er seine letzten sechs Lebensjahre.

Wir schlendern erst durch den weitläufigen, schon parkähnlichen Garten, der sehr akkurat angelegt ist, bevor wir schließlich ins Innere des Hauses gelangen, das heute neben ein paar ursprünglich belassenen Räumen auch eine kleine Ausstellung beherbergt.

 

 

Gegen halb zwei Uhr erreichen wir das Zentrum der Stadt, die Fußgängerzone oder Henley Street, in der das Geburtshaus William Shakespeares liegt.

Auch die Fußgängerzone quillt heute förmlich über vor Touristen, eine wilde Mischung aus modernen Häusern, alten Fachwerkbauten, Geschäften und "lebenden Standfiguren" in Renaissance-Kleidung säumt den Weg.

 

 

Schließlich erreichen wir ein schon von Weitem ins Auge springendes, großes Fachwerkhaus, das "wirklich alt" aussieht: das Geburtshaus William Shakespeares aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Dies fällt umso mehr auf, als dass sich direkt nebenan das modern anmutende "Shakespeare Centre", das Hauptbüro des Shakespeare Trusts, befindet, in dem eine Spezialbibliothek und ein Shakespeare-Studienzentrum untergebracht sind.  Durch dessen Eingangsbereich gehend - und dabei viel Interessantes über den berühmten "Stratforder" erfahrend - gelangen wir schließlich wieder nach draußen in den Garten des Geburtshauses und reihen uns in die Warteschlange zum Besuch des Inneren ein.

Hier sehen wir in einem Hausrundgang scheinbar authentisch eingerichtete Zimmer und zahlreiche Gegenstände aus Shakespeares Nachlass, angefangen von Arbeiten des Vaters von William, John Shakespeare, der als Handschuhmacher sein Geld verdiente, über die Küche und das "Esszimmer" bis hin zum angeblichen Geburtszimmer des kleinen Williams und dessen authentisch rekonstruierter Wiege im Tudorstil, die das Leben einer wohlhabenden Bürgerfamilie im 16. Jahrhundert widerspiegelt.

Ob das nun alles wirklich authentisch, echt, original oder rekonstruiert ist, sei dahingestellt, auf jeden Fall vermittelt der Rundgang durch das alte Haus einen Hauch des damaligen Lebens und lässt den berühmten Dramatiker irgendwie noch viel "menschlicher" erscheinen.

 

 

Unsere Eintrittskarte erlaubt uns auch noch den Besuch von Hall's Croft, dem Haus von Shakespeares ältester Tochter Susanna und ihrem Ehemann Dr. John Hall, der bei seinem Schwiegervater hoch angesehen war. Gestern schon konnten wir das Anwesen von außen besichtigen, aber da es nun wieder in einer ganz anderen Richtung der Stadt liegt, verzichten wir auf einen neuerlichen Besuch und machen uns langsam auf den Rückweg zum Womo.

Voll mit shakespeare'schen Eindrücken um sein vergangenes Leben und Werk kommen wir gegen viertel vor drei Uhr am Parkplatz an und werden schnell in die Gegenwart zurückbeordert: der gestern noch so leere Parkplatz ist nun übervoll und wir haben Sorge, mit unserem recht zugeparkten Womo den Platz überhaupt verlassen zu können. Nachdem das grobe (südwestliche) Fahrtziel des heutigen Tages - der alte Kurort Bath mit seinen römischen Thermen - feststeht, hilft uns ein weiterer netter (und Gott sei Dank zufällig anwesender) Womo-Fahrer, den Parkplatz gegen drei Uhr nachmittags verlassen zu können, indem er seinen Wagen ein wenig umsetzt.

So verlassen wir nun nach eineinhalb Tagen "zusammen mit dem berühmtesten englischen Literaten" Stratford-upon-Avon, ein "Umweg", der sich letzlich aber doch wirklich gelohnt hat.

 

 

Durch viele kleinere und größere Dörfer des Südwestens Englands fahrend, kommen wir um kurz nach sechs Uhr am Abend in Keynsham an, einer winzig kleinen Ortschaft, genau zwischen Bath und Bristol gelegen. Dort ist ebenfalls ein Certificated Location und nach einem vorherigen Anruf beim Besitzer der Farm erfahren wir, dass noch Plätze frei sind und tatsächlich, als wir dort ankommen, ist eigentlich mehr frei als belegt, wie so oft auf den CL's. Der Farmer wohnt anscheinend woanders und hat schon am Telefon verkündet, dass er - wenn wir erst am Abend kämen - am nächsten Morgen gegen acht Uhr bei uns am Womo vorbeischauen wolle, um das Geld zu kassieren.

Lediglich ein Wohnwagen und ein kleines Zelt sind zugegen, so dass wir uns auch hier "ausbreiten" können. Nur 5 £ kostet uns hier die Übernachtung, es gibt keinen Strom und die Dusche und Toilette lassen wir lieber unangetastet... Aber Frischwasser ist vorhanden und Entsorgung klappt auch. Eigentlich wäre an diesem Geburtstag ein schönes Abendessen mit der Familie angebracht gewesen, aber in der näheren Umgebung ist nichts Adäquates zu finden, so dass wir den Abend auf dem Platz ausklingen lassen, ist auch entspannend nach dem Tag mit den vielen Shakespeare-Eindrücken.

95,7 % Batteriespannung am dritten Tag in Folge ohne Landstrom, aber mit circa 130 Fahrkilometern zwischendurch, zeigen uns, wie zuverlässig unsere Batterien mit dem Booster nun geladen werden und obwohl wir einen leeren Akku der Fotokamera mit dem Wechselrichter laden, sind vor dem Zubettgehen immer noch 90,0 % "Saft" vorhanden. Sehr schön, und ein über die Maßen lustiges "Haarwasch-Erlebnis" einer der Fernschreiber-Töchter in der Dusche unseres Womos lässt diesen Tag zudem noch sehr erheiternd ausklingen.

 

Das sind wir:

Die Fernschreiber.

 

Gerne unterwegs in unserem Knaus Sky Wave 650 MF.

 

In unserem Wohnmobil sind wir zu Hause, in einem Hotel nur Gast.

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